Erfahrungen sammeln weit weg von Zuhause

März 10, 2025 | Ausbildung und Karriere

In diesem Interview erzählen Yunita Indriani (links im Bild) aus Indonesien und Tania Sabogal (rechts) aus Kolumbien von ihren Erfahrungen in Deutschland. Als Bundesfreiwilligendienstleistende und Auszubildende bei der Lebenshilfe Ostallgäu-Kaufbeuren und den Wertachtal-Werkstätten berichten sie von ihren Erfahrungen, Herausforderungen, den kulturellen Unterschieden und ihren Zukunftsträumen.

Könnt ihr euch kurz vorstellen? Wie alt seid ihr und wo kommt ihr her?
Yunita: Ich bin Yunita Indriani, 34 Jahre alt und komme aus Indonesien. Seit letztem Jahr lebe ich hier in Deutschland. Ich habe zunächst einen Bundesfreiwilligendienst im Wohnheim Alte Poststraße gemacht und im September 2024 meine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin in der Förderstätte der Wertachtal-Werkstätten begonnen.
Tania: Ich bin Tania Sabogal, 28 Jahre alt und komme aus Kolumbien, genauer aus Bogotá. Seit fast zwei Jahren bin ich hier in Deutschland und mache einen Bundesfreiwilligendienst in der Tagesstätte der Lebenshilfe.

Wie sah euer Leben aus, bevor ihr nach Deutschland gekommen seid? Welche Ausbildung habt ihr gemacht?
Yunita: Ich habe vieles Verschiedenes gemacht, habe IT studiert und in verschiedenen Bereichen gearbeitet, zum Beispiel in einer Bäckerei und bei einer Autowerkstatt. Außerdem war ich Nachhilfelehrerin und habe Kinder zwischen 6 und 12 Jahren in Mathe unterrichtet.
Tania: In Kolumbien habe ich Wirtschaftsingenieurwesen studiert und anschließend auch in ganz verschiedenen Unternehmen gearbeitet, z.B. bei einer Firma, die Getränke herstellt.

Warum habt ihr euch entschieden, nach Deutschland zu kommen?
Yunita: Ich habe eine Freundin, die in Indonesien Deutsch studiert hat und jetzt als Deutschlehrerin in Hamburg arbeitet. Sie hat mir empfohlen, nach Deutschland zu kommen, weil es hier viele Einstiegsmöglichkeiten wie den Bundesfreiwilligendienst gibt, dem man eine Ausbildung anschließen kann. Auch meine Eltern haben mich darin unterstützt. Außerdem war es mir immer wichtig, zu lernen, selbständig zu leben und nicht auf meine Eltern angewiesen zu sein. Der Schritt, alleine nach Deutschland zu gehen, hat mir dabei sehr geholfen.
Tania: Ich hatte schon immer den Traum, nach Europa zu reisen, aber speziell an Deutschland habe ich zuerst nicht gedacht. Ich habe als erstes nach einem Au-pair-Jahr gesucht und dabei den „Internationale Freiwilligendienste ICE e.V.“ gefunden. Die Organisation hat Deutschland sehr positiv beschrieben und betont, dass es hier viele Möglichkeiten gibt zu arbeiten und gleichzeitig Englisch und Deutsch zu lernen. So habe ich mich dann letztendlich dafür entschieden.

War oder ist es schwierig für euch, die deutsche Sprache zu lernen?
Yunita: Ja, es ist schwierig. Aber ehrlich gesagt mag ich Deutsch sogar lieber als Englisch. Das macht mir mehr Spaß zu lernen. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich auch schon in Indonesien fünf Monate lang intensiv Deutsch gelernt – Montag bis Freitag, täglich fünf Stunden. Als ich dann in Deutschland ankam, habe ich gemerkt, dass das, was ich gelernt hatte, ganz anders war als die Realität. Das war am Anfang echt schwer. Durch den Bundesfreiwilligendienst konnte ich dann im Alltag noch viel lernen, zum Beispiel auch die Umgangssprache, die man in der Schule eben nicht mitbekommt. Jetzt, in der Ausbildung, ist es nochmal anspruchsvoller mit all den medizinischen Fachbegriffen, aber ich bin stolz auf das, was ich mittlerweile verstehe.

Tania, hast du auch vorher schon deutsch gelernt?
Tania: Ja, ich habe in Kolumbien bis zur A2-Stufe Deutsch gelernt, da ich das für mein Visum gebraucht habe. Als ich hier ankam, habe ich allerdings fast nichts verstanden, wenn Leute mit mir gesprochen haben, weshalb ich anfangs viel Englisch gesprochen habe. Meine Gastfamilie, in der ich die erste Zeit gelebt habe, hatte aber ein neun Jahre altes Mädchen, das mir immer gesagt hat, dass ich Deutsch lernen soll, damit wir uns unterhalten und zusammen spielen können. Das hat mich motiviert, mein Deutsch zu verbessern. Mittlerweile verstehe ich in der Arbeit fast alles und kann gleichzeitig noch meinen Wortschatz erweitern.

Wo wohnst du jetzt, Tania, nachdem du nicht mehr bei deiner Gastfamilie bist?
Tania: Die Lebenshilfe Ostallgäu-Kaufbeuren stellt uns eine Wohnung zur Verfügung. Dort wohne ich mit Yunita und einer weiteren Bundesfreiwilligendienstleistenden in einer Wohngemeinschaft.

In welchem Bereich arbeitet ihr jetzt bei der Lebenshilfe und wie sieht euer Arbeitsalltag dort aus?
Tania: Ich mache meinen Bundesfreiwilligendienst in der Tagesstätte. Am Vormittag betreue ich die Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren, und am Nachmittag bin ich mit den älteren Kindern (10-12 Jahre) beschäftigt. Ich helfe beim Füttern, Windeln wechseln und spiele mit den Kindern, damit sie ihre Fähigkeiten in verschiedensten Alltagsbereichen verbessern können. Manchmal sind die Kinder sehr aufgedreht, dann muss ich auch sehr aufmerksam sein, dass nichts passiert.
Yunita: Während meines Bundesfreiwilligendienstes habe ich im Wohnheim gearbeitet. Dort bin ich in der Pflege tätig gewesen und habe die Bewohner*innen im Alltag unterstützt, zum Beispiel beim Essen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aktuell mache ich meine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin aber in der Förderstätte. Das sind, finde ich, zwei sehr unterschiedliche Bereiche: Im Wohnheim habe ich den Bewohner*innen im Alltag geholfen, während wir hier in der Förderstätte darauf abzielen, die Menschen bei der Verbesserung ihrer Fähigkeiten zu unterstützen. Dabei lerne ich selber auch viel Neues und es macht mich einfach glücklich, anderen zu helfen. In Indonesien habe ich an vielen freiwilligen sozialen Projekten teilgenommen, und hier in Deutschland kann ich Menschen helfen und dabei noch Geld verdienen, um meinen Traum irgendwann erfüllen zu können.

Das Stichwort „Traum“ bringt mich auf die Frage: Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Habt ihr vor, in Deutschland zu bleiben?
Yunita: Ich möchte meine Ausbildung abschließen und danach gerne weiter bei der Lebenshilfe arbeiten und lernen. Wie lange ich hierbleiben möchte, weiß ich aber noch nicht. Mein Traum ist es, irgendwann mal ein Haus in Indonesien zu kaufen, in dem ich Kinder und Jugendliche kostenlos unterrichten kann.
Tania: Ich denke darüber nach, in Deutschland eine Ausbildung als Industriekauffrau oder im Bereich Projektmanagement zu machen. Die Arbeit hier in der Lebenshilfe gefällt mir gut, aber ich habe in Kolumbien Wirtschaftsingenieurwesen studiert und möchte später auch in diesem Bereich arbeiten. Für immer möchte ich aber nicht in Deutschland bleiben, da ich meine Familie und Freund*innen in Kolumbien zu sehr vermisse.

Habt ihr Tipps für Leute die sich für ein Auslandsjahr interessieren?
Yunita: Zuerst ist es wichtig, die Sprache zu lernen und die Kultur des jeweiligen Landes zu verstehen. In Deutschland gibt es zum Beispiel Ruhezeiten, die es in Indonesien nicht gibt. Auch die Bürokratie sollte man beachten; ich habe in Deutschland ein Visum gebraucht, um einreisen zu dürfen.
Tania: Da stimme ich Yunita zu. Es ist sehr viel einfacher, wenn man vorher die Sprache schon ein bisschen beherrscht. In meiner Erfahrung ist das Sprachniveau A2 viel zu wenig, um nach Deutschland zu kommen. Ich denke, man sollte mindestens B1 oder B2 haben, um eine bessere Grundlage zu haben, sein Deutsch weiter zu verbessern und schon ein bisschen zu verstehen. Das war für mich am Anfang sehr schwierig. Außerdem fand ich es hilfreich, hier schnell Freunde gefunden zu haben, die ich fragen konnte, wenn ich nicht weiterwusste. Freunde können eine sehr große Unterstützung sein.

Alles Gute euch beiden weiterhin und vielen Dank für das Gespräch!

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