Interview mit Marius Scharl: Unterstützte Kommunikation

Marius Schal mit einer der neuen Schilder aus dem Bereich Unterstützte Kommunikation.
Unterstützte Kommunikation hilft Menschen, also auch Kindern, sich mitzuteilen. Zum Beispiel mit Bildern, Symbolen oder Hilfsmitteln. Dieses Thema ist für uns sehr wichtig. Wir haben Marius Scharl getroffen, der bei uns in der HPT für dieses wichtige Thema verantwortlich ist. Er zählte uns, wie, was Unterstützte Kommunikation konkret bedeutet und wie sie im Alltag hilft.
Was bedeutet Unterstützte Kommunikation für dich persönlich?
Meine ersten Berührungen mit Unterstützter Kommunikation hatte ich im Rahmen meiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger, damals sah ich schon eine große Relevanz, allerdings gestaltete sich in dem Rahmen die Umsetzung als schwierig, wegen starrer Strukturen und fehlender Bereitschaft der Leitung etwas zu verändern. Im Rahmen meiner weiteren beruflichen Laufbahn habe ich mich dann immer weiter in dem Fachgebiet fortgebildet sei es über die Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation oder das fbz uk (Forschungs- und Beratungszentrum UK) der Uni Köln. Wichtig ist mir da Thema besonders, weil nur Kommunikation zu gelingender Teilhabe beitragen kann. Wenn ich nicht die Möglichkeit erhalte mich mitzuteilen, werde ich nicht gesehen und kann nicht mitsprechen. Und diese Entscheidungsprozesse reichen von der Entscheidung ob ich lieber Toast oder Müsli zum Frühstück möchte bis hin zu politischer Partizipation. Zudem haben wir hier neben der berufsethischen Fragestellung auch eine rechtliche Verantwortung gemäß Artikel 24, Absatz 3 der UN-Behindertenrechtskonvention.
Wie setzt ihr Unterstützte Kommunikation hier in der Heilpädagogischen Tagesstätte konkret ein?
Es ist in diesem Zusammenhang gut, dass Du von Alltag sprichst. Denn es sind besonders die Alltagssituationen die eine gute UK-Förderung ausmachen. Oft kategorisieren wir UK in Therapieeinheiten oder isolierten Fördersettings ein, doch kann so die Umsetzung im Alltag, wo die Kommunikation benötigt wird nicht erlernt werden, da die Gelegenheit dazu fehlen würde. In der Heilpädagogischen Tagesstätte für geistige Entwicklung gibt es einige Kinder und Jugendliche mit UK-Bedarf, aber so vielfältig die Möglichkeiten sind, ist es auch die Gruppe der Anwender*Innen. Einige Kinder und Jugendliche sind mit Hilfsmitteln versorgt, manche sind es auch nicht, da sie mit grafischen Symbolen oder mit körpereigenen Strategien kommunizieren. Leider ist die Barriere für das Personal oft sehr groß, weshalb es zu Unsicherheiten in der Anwendung kommt. So landet das Hilfsmittel teilweise im Schulranzen und findet kaum Anwendung außerhalb der therapeutischen Settings.
Was verändert sich für die Kinder, wenn sie mit Unterstützter Kommunikation arbeiten können?
Die Wirkung auf die Kinder fällt unterschiedlich aus. Bei manchen zeigen sich schnell Fortschritte, manche benötigen dagegen deutlich mehr Zeit und Gestaltung des Kontextes durch ihre Bezugspersonen. Was aber oft schnell deutlich wird ist die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Sie erlernen, dass sie in ihrer Umgebung Personen und Dinge beeinflussen können, was eine große Motivation der Kinder und Jugendlichen auslöst, manchmal aber auch Arbeit für die Bezugspersonen bedeutet. Wenn ein Kind beispielsweise die Schimpfwortseite auf der Kommunikationshilfe für sich entdeckt ist das nicht nur bequem, sondern auch herausfordernd, da es einer Begleitung bedarf. Aber in diesem Moment hat das Kind eine besonders starke Wirkung auf die Umgebung, wenn auch nicht auf angemessene Art und Weise. Was allerdings auch immer wieder beobachtet werden konnte war ein Abbau herausfordernder und aggressiver Verhaltensweisen. Durch den Einsatz von UK konnten die Kinder und Jugendlichen besser nachvollziehen was in ihrer Umgebung passiert und sich zudem auch mitteilen. Somit konnten Frustrationserlebnisse stark reduziert werden.
Wie arbeiten die Mitarbeitenden und Therapeut*innen zusammen, damit Unterstützte Kommunikation im Alltag funktioniert?
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit steckt hier noch in der Entwicklung. In manchen fällen klappt es gut, in anderen Fällen ist noch viel Luft nach oben. Derzeit versuchen wir ein Modell zur Interventionsplanung zu implementieren, das unter Berücksichtigung der Teilhabe an für die Zielperson relevanten und attraktiven Aktivitäten die kommunikativen Kompetenzen zu erweitern versucht. Zentral sind hier die Bezugspersonen der unterstützt kommunizierenden Person, daher ist es wichtig hier so viele Personen wie möglich mit im Boot zu haben. Hier wird sich bei einem runden Tisch auf Aktivitäten, Vokabular, Ziele und Aufgaben für die Bezugspersonen geeinigt, die die kommunikativen Kompetenzen der unterstützt kommunizierenden Person erweitern sollen. Nach drei bis sechs Monaten treffen sich die beteiligten Personen erneut um den Interventionsprozess zu evaluieren und neu zu beginnen.
Was ist das Besondere an den neuen Schildern zur Unterstützten Kommunikation, die bald am Sonneneck angebracht werden?
Das Besondere an der Beschilderung ist die Einteilung in Kern- und Randvokabular. Unter Kernvokabular versteht man die 200-300 Wörter, die 80% unserer gesprochenen Sprache ausmachen. Diese bestehen überwiegend aus Konjunktionen, Adverbien, Präpositionen und Pronomen. Ohne sie wäre es uns nicht möglich einen vollständigen Satz zu bilden, da das Randvokabular ausschließlich Themenspezifisch ist und primär aus Nomen, Verben und Adjektiven besteht. Daher sind auf der Tafel im äußeren Bereich Symbole für das Kernvokabular angebracht und in der Mitte das themenspezifische Randvokabular. Da es sich um verschiedene Spielplätze handelt, wird auch unterschiedliches Randvokabular benötigt. Das Kernvokabular bleibt aber dasselbe, da es unabhängig vom Kontext eingesetzt werden kann. Die Symbole sind zudem so angeordnet, dass sie wie in der Schriftsprache von links nach rechts die Satzbildung ermöglichen. Orientiert habe ich mich bei der Erstellung am Kölner Vokabular, entwickelt von Boenisch und Sachse von der Universität zu Köln.
Hier kommt es natürlich auch wieder auf die Bezugspersonen an, die den Kindern und Jugendlichen Vorleben, wie die Tafeln eingesetzt werden können. Sie funktionieren hier als sprachliche Vorbilder und zeigen ihnen im Endeffekt wie in der Lautsprachentwicklung auch wie und wozu wir Sprache verwenden. Nur eben zusätzlich mit grafischen Symbolen.
Wie soll sich Unterstützte Kommunikation in Zukunft weiterentwickeln – hier in der Tagesstätte und allgemein bei der Lebenshilfe?
In den Vergangenen Jahren hat sich hier viel getan, was ich sehr toll finde. Dennoch fände ich es schön, wenn wir uns als Einrichtung auf Standards einigen können, die den Einsatz von Hilfsmitteln oder anderen Strategien leichter macht und somit die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entfaltung unterstützt. Dafür benötigen wir Schulungen und weitere Sensibilisierung für das Thema. Toll fände ich auch die Einbindung unterstützt kommunizierender Personen als Expert*Innen in eigener Sache.
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