Ein Zuhause zum Wohlfühlen

Juli 1, 2026 | Themen

„Ich bin die Lizzi und ich leb schon dreißig Jahre da. Mir gefällts gut.“ Mit diesem prägnanten ersten Satz in unserem Interview bringt Lizzi Gmeinder auf den Punkt, was das Wohnheim Mühlsteig in Marktoberdorf seit nunmehr 30 Jahren für viele Menschen ist: ein Zuhause.

Lizzi gehört zu den ersten Bewohner*innen des Hauses. Tatsächlich war sie sogar schon dabei, bevor das Wohnheim überhaupt fertig gebaut war. „Ich hab den ersten Spatenstich gemacht“, erzählt sie stolz. Als ihre Schwester den Rohbau entdeckte, war sie überzeugt: „Das ist was für dich.“ Also meldete sie Lizzi an und legte damit den Grundstein für eine Geschichte, die bis heute andauert.

Der Anfang war nicht ganz leicht. Einige Tage habe sie gebraucht, um sich einzugewöhnen, erinnert sich Lizzi. Zuvor hatte sie bei ihrer Familie gelebt. Doch schon bald wurde das Wohnheim zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt. Erst wohnte sie für einige Monate in einer anderen Gruppe, später zog sie in die heutige Gruppe 3 um. Dort lebt sie bis heute.

Fast genauso lange begleitet Melanie Wirth das Wohnheim Mühlsteig. Nur wenige Monate nach der Eröffnung begann auch sie ihre Arbeit im Haus. Heute leitet sie die Einrichtung. Zwischen ihr und Lizzi ist in den vergangenen drei Jahrzehnten eine besondere Verbindung entstanden.

„Die Melanie ist eine gute Chefin, die mag ich gern“, sagt Lizzi. Melanie lächelt. „Ich dich auch. Du bist auch eine gute Bewohnerin. Wir kennen uns schon seit dreißig Jahren, wir zwei.“

Diese Vertrautheit ist im ganzen Haus spürbar. Viele Menschen sind dem Wohnheim über Jahrzehnte treu geblieben. Neun Bewohner*innen leben bereits seit der Eröffnung hier. Auch zwei Mitarbeiterinnen begleiten das Haus seit 30 Jahren. „Wir sind ein schönes, stabiles Haus“, sagt Melanie Wirth.

Stabilität bedeutet dabei nicht Stillstand. Im Wohnheim wird nicht nur zusammengewohnt, sondern auch viel gelacht und gefeiert. Die meisten Bewohner*innen arbeiten in den Wertachtal-Werkstätten, viele von ihnen sind aber bereits im Ruhestand. Lizzi hat dort viele Jahre in der Schreinerei gearbeitet. „Das hab ich gerne gemacht“, erzählt sie.

Heute ist sie Rentnerin. „Ich bin halt nimmer so fit, wie ich sein sollte. Aber ich bin zufrieden.“ Und aktiv ist sie nach wie vor. Sie bastelt gerne, fährt gemeinsam mit den FSJ-ler*innen Fahrrad und verbringt viel Zeit mit den Mitarbeitenden und ihren Mitbewohner*innen. „Ich mag alle Betreuer“, sagt sie. „Die sind alle nett hier.“

Zu den Mitbewohnenden im Mühlsteig gehört auch Lotta. Die Katze lebt auf ihrer Wohngruppe und schaut regelmäßig bei Lizzi vorbei, besonders gerne zum Kuscheln. Vor Lotta gab es schon andere tierische Mitbewohner. Katzen gehören im Mühlsteig fast schon zur Tradition.

Als Lizzi gefragt wird, was das Wohnheim für sie ausmacht, denkt sie nicht lange nach. Sie kommt mit den meisten Bewohner*innen gut aus, sagt sie, und sie habe „auch ein schönes Zimmer“.

Wenig später zeigt sie es stolz. Die Wände sind rosa gestrichen, Fotos von Katzen und Familienmitgliedern schmücken den Raum. In ihrem großen Sessel macht sie es sich gemütlich. Es ist offensichtlich: Das hier ist ihr Zuhause.

Ein Zuhause zum Wohlfühlen
Heute ist Lizzi 87 Jahre alt und wird im August 88. Eine Schnapszahl – passend zum Jubiläumsjahr. Dieses wird natürlich auch gebührend gefeiert: mit Festzelt, Musik, Kaffee und Kuchen, einem Pizzawagen sowie vielen Angehörigen, Wegbegleiter*innen und Freund*innen des Hauses.

Und was wünschen sich Lizzi und Melanie für die Zukunft? Lizzi antwortet ohne zu zögern: „Dass es so bleibt, wie es jetzt ist.“ Melanie nickt. „Dass wir weiter eine gute Zeit miteinander haben. Dass man gerne hier ist und sich wohlfühlt. Das ist das Allerwichtigste.“

Als wir uns verabschieden, entsteht vor dem Wohnheim noch ein gemeinsames Foto. Lizzi und Melanie stehen nebeneinander und nehmen sich freundschaftlich in den Arm. Drei Jahrzehnte gemeinsamer Lebensgeschichte liegen hinter ihnen. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert. Eines aber ist geblieben: Das Wohnheim Mühlsteig ist für die Menschen, die hier leben und arbeiten, weit mehr als ein Wohnort. Es ist ein Zuhause.

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