Ein Zuhause, das verbindet

Juli 6, 2026 | Themen

Bildunterschrift: Hannah O.-Rieger, Yannick Wagner, Johann Glüder und Jannis Konrad (von links nach rechts)
„Am ersten Tag haben wir ‘Mensch ärgere dich nicht’ gespielt“, erinnert sich Johann und lacht. Es ist eine der ersten Erinnerungen an die Tetrapack-WG. Damals, im Dezember 2016, war nach der großen Einweihungsfeier mit Bürgermeister, Presse und Fernsehen endlich Ruhe eingekehrt. Die Kameras waren verschwunden, die Gäste gegangen und vier Menschen begannen, ihr neues Zuhause mit Leben zu füllen. Heute, zehn Jahre später, sitzt ein Teil der WG am großen Küchentisch und blickt zurück. Mit dabei sind Johann und Yannick, die von Anfang an in der WG wohnen, Jannis, einer der ersten Mitbewohner ohne Beeinträchtigung, und Hannah, die die Entwicklung der WG seit den ersten Ideen begleitet und bis heute als Mitarbeiterin des Ambulant Begleiteten Wohnens (ABW) unterstützt.

Ein mutiges Projekt

Als die Tetrapack-WG gegründet wurde, war sie etwas Besonderes. Die Idee entstand aus einer Kooperation zwischen Kulturwerkstatt, Lebenshilfe und der Antonie-Zauner-Stiftung. Zwei Menschen mit Beeinträchtigung sollten gemeinsam mit Jahrespraktikant*innen der Kulturwerkstatt wohnen – selbstbestimmt, mitten in der Stadt und ohne Wohnheimcharakter. „Damals gab es solche inklusiven WGs vor allem in Großstädten“, erinnert sich Jannis. „Für Kaufbeuren war das schon etwas Neues.“ Die ersten Jahre funktionierte das Konzept hervorragend. Immer wieder zogen junge Menschen für ein Jahr in die WG ein, sammelten Erfahrungen und wurden Teil einer besonderen Gemeinschaft. Viele Namen fallen im Gespräch: Hanna, Moritz, Elia, Marina, Ali und viele andere. Manche blieben nur kurz, andere länger. Alle hinterließen ihre Spuren.

Freiheit statt Wohnheim

Für Yannick war die WG eine echte Chance. Zuvor hatte er in einem Wohnheim gelebt, fühlte sich dort jedoch nicht wohl. „Wohnheim war für mich irgendwann keine Option mehr“, erzählt er. „Hier ist es viel freier.“ Diese Freiheit beschreiben die Bewohner immer wieder als das Besondere an ihrem Zuhause. Die Regeln werden nicht vorgegeben, sondern gemeinsam beschlossen. Jeden Montag findet eine WG-Besprechung statt. Dort werden Probleme besprochen, Entscheidungen getroffen und Aufgaben verteilt. „Wir können unsere Probleme selber klären“, sagt Yannick stolz. Und das funktioniert wirklich gut. Protokolle werden geschrieben, Beschlüsse festgehalten und in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe geteilt. Unterstützung gibt es bei Bedarf, aber die Verantwortung liegt bei den Bewohnern selbst. Auch im Alltag zählt, was jeder gut kann. Johann kümmert sich zuverlässig um Müll und Ordnung, andere übernehmen technische Aufgaben oder Einkäufe. Niemand soll überfordert werden. „Jeder macht das, was er kann“, erklärt Yannick. „So können alle ihren Beitrag leisten.“
Ein Zuhause, das verbindet

Mehr als nur zusammen wohnen

Wer die Tetrapack-WG besucht, merkt schnell: Hier wird nicht nur gemeinsam gewohnt. An den Wänden hängen Erinnerungen aus zehn bewegten Jahren. Zeitungsartikel, Fotos und sogar ein Jugendpodcastpreis erzählen von gemeinsamen Projekten und Erlebnissen. Die Bewohner waren zusammen auf Ausflügen unterwegs, Geburtstage wurden gefeiert, Überraschungen organisiert und Freundschaften gepflegt. „Wir sind schon so eine Truppe“, schmunzelt Yannick. Auch die Verbindung zur nahegelegenen Kulturwerkstatt spielt bis heute eine wichtige Rolle. Johann ist im Theater und Zirkus aktiv und verteilt Veranstaltungsplakate. Yannick arbeitet seit 2020 auf einem Außenarbeitsplatz in der Kulturwerkstatt. „Ich habe immer gesagt, ich möchte nicht mein ganzes Leben in der Werkstatt bleiben“, erzählt er. „Dann habe ich gefragt, ob ich in der Kulturwerkstatt helfen kann. Das war eine richtig gute Entscheidung.“

Ein Zuhause mit Geschichte

Die WG selbst ist etwas Besonderes. Die großzügige Altbauwohnung war früher eine Arztpraxis, davor sogar die erste Sparkassenfiliale Kaufbeurens. Noch heute steht in einem Zimmer ein alter Tresor, der sich nicht öffnen lässt. „Da ist bestimmt ein Schatz drin“, vermutet Jannis grinsend. Jede Zimmertür erzählt ihre eigene Geschichte. Fotos, Sticker, Bandlogos oder Regenbogenaufkleber zeigen auf den ersten Blick, wer hier wohnt und was den Bewohnern wichtig ist. Und dann sind da natürlich Johann und Yannick selbst. Zum Interview erscheinen beide herausgeputzt im Anzug, mit Hut beziehungsweise Mütze. Johann besitzt nach eigener Zählung 69 Krawatten und berät auch andere leidenschaftlich gern bei Modefragen. „Wenn ihr mich braucht, kann ich euch beraten“, bietet er begeistert an. Warum Tetrapack? Der Name der WG entstand bereits in den Anfangsjahren. Vier Bewohner*innen, eine eingeschworene Gemeinschaft – ein „Pack“ eben. Zusammen mit der Idee einer in jeder WG zu findenden Milchtüte wurde daraus „Tetrapack“. Der Name hält sich bis heute. Aktuell wohnen Johann (60), Yannick (31), Ado (47) und Walter (76) gemeinsam in der WG. Neue Mitbewohner werden möglichst von der Gemeinschaft selbst ausgewählt. Wer einzieht, muss schließlich zur Gruppe passen.

Zusammen geht vieles besser

Fragt man die Bewohner, was die WG für sie bedeutet, kommen die Antworten schnell: „Weil wir uns hier wohlfühlen“, sagt Johann. „Sie bedeutet für mich Freiheit und super Mitbewohner“, ergänzt Yannick. „Wir sind zusammen ein gutes Team“, sagt Johann. So wurde zum Beispiel auch schon ein ganzer Schrank mit dem Fahrradanhänger in die WG transportiert „Nicht in allen Dingen“, ergänzt Yannick grinsend. „Aber in vielem.“ Im Dezember wird das zehnjährige Jubiläum gemeinsam gefeiert. Eingeladen sind ehemalige Mitbewohner*innen, Wegbegleiter*innen und Freund*innen der WG. Es wird ein Wiedersehen mit vielen Geschichten, Erinnerungen und Menschen, die die WG geprägt haben. Und eines ist schon jetzt sicher: Die Geschichte der Tetrapack-WG ist noch lange nicht zu Ende.

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