Ein Spiel für alle

Zu Besuch beim Schachclub Marktoberdorf und einem seiner begeisterten Spieler*innen
Wenn Simon Smits erzählt, wie er zum Schach gekommen ist, leuchten seine Augen und ein Grinsen stiehlt sich in sein Gesicht: „Ich war mit meinem Vater und meiner Schwester unterwegs, hier in Marktoberdorf. Da habe ich das Schild vom Schachclub gesehen, beim Stadtcafé“, erzählt der 27-Jährige. Seit fast drei Jahren ist er jetzt dabei. Der Schachclub ist für ihn längst mehr als ein Ort zum Spielen: „Das ist wie eine Familie. Auf dem Brett helfen die Figuren sich gegenseitig und die Menschen im Club auch.“
Schach ist eines der ältesten Spiele der Welt und dabei auf ganz natürliche Weise barrierearm: Man braucht kein besonderes Equipment, keine körperliche Fitness, keine lautstarke Kommunikation. Es zählen Konzentration, Vorausdenken und Strategie. Oder, wie es Trainer Hans Brugger formuliert: „Eigentlich geht es darum, immer einen Zug weiter zu denken als der/die Gegner*in. Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt.“

Die Schachfamilie Marktoberdorf
Im Schachclub Marktoberdorf spielen rund 80 Menschen – etwa 40 davon aktiv, 20 regelmäßig. Die Atmosphäre ist offen, unterstützend, lebendig. „Man fühlt sich sofort aufgehoben“, sagt Simon. Besonders gefallen ihm die Trainingseinheiten: „Zuerst gibt’s Theorieaufgaben. Die machen mir Spaß. Das sind gute Herausforderungen.“ Ein beliebtes Format: Das Mattsetzen in zwei Zügen. Man übt typische Spielsituationen ein – fast wie beim Fußball.
Was für andere das Spielfeld ist, ist für Simon das 64-Felder-Brett. Besonders mag er den Springer. „Weil der hüpfen kann. Und weil man mit ihm König und Dame gleichzeitig angreifen kann.“
„Das nennt man Familienschach“, erklärt Hans. „Der schwache Springer greift lauter stärkere Figuren an – er ist der Trickser unter den Figuren“, schmunzelt er.
Vielfalt am Zug
Regeln gibt es beim Schach viele und sie gelten für alle gleich. Nur für Menschen mit Sehbeeinträchtigung gibt es spezielle Bretter, die besser ertastbar sind und nicht spiegeln. „Ein einheitliches Material ist wichtig, damit niemand einen Vorteil hat und z.B. geblendet wird“, erklärt Brugger.
Genau diese Klarheit macht das Spiel so inklusiv. Simon sagt: „Ich glaube, ich bin der Einzige im Allgäu mit Beeinträchtigung, der aktiv Schach spielt. Das fehlt mir ein bisschen. Ich wünschte, es gäbe mehr Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung.“
Der Club versucht, genau das zu ändern. Er ist seit Jahren aktiv bei Aktionstagen, kooperiert mit dem Kreisjugendring und ist offen für neue Gesichter. „Aber es reicht nicht, nur offen zu sein“, sagt Simon. „Es muss auch sichtbar sein, dass alle gemeint sind. Es braucht Werbung, die wirklich alle anspricht.“
Schach ganz neu gedacht
Simon liebt es, neue Schachvarianten auszuprobieren. Ein Mitspieler hat ihn mit „Fischer 960“ bekannt gemacht – einer Variante, bei der die Figuren zu Spielbeginn per Zufall neu aufgestellt werden. „Man muss vom ersten Zug an komplett neu denken. Das macht richtig Spaß“, erzählt Simon begeistert.
Auch auf ein großes Ereignis freut er sich: Im August nimmt er an der Offenen Deutschen Einzelmeisterschaft der Schachspieler mit Behinderung in Stuttgart teil. „Ich freue mich total darauf, andere Schachbegeisterte kennenzulernen.“ Das Turnier findet vom 18. bis 24. August in Stuttgart, im Rahmen des Württembergischen Schachfestivals, statt.

Simons Ziel beim Schachspielen? „Ich möchte in den nächsten zehn Jahren Vereinsmeister werden – und der Erste auf unserer Vereinstafel sein, der eine Beeinträchtigung hat.“ Die Tafel hängt seit 1947 im Spiellokal des Clubs, dem Stadtcafé (siehe Bild oben).
Das Spiel verbindet
„Beim Schach gibt’s keine Unterschiede“, wirft Jugendtrainer Moritz ein. „Man muss keine Regeln ändern – alle können gegeneinander spielen.“ Inklusion durch Gleichbehandlung statt Sonderregeln. „Das ist das Schöne am Schach“, meint er.
Und was wäre ein echter Schachabend ohne einen kleinen Trick? Hans verrät zum Schluss: „Wenn ich angreifen will, schau ich absichtlich auf die andere Seite vom Brett – das verwirrt manche.“ Taktik, Witz, Konzentration und Spielfreude, so sieht Schach in Marktoberdorf aus.
Und Simon? Der kommt jeden Freitagabend zum Training, manchmal vier Stunden am Stück und spielt in seiner Freizeit so oft es geht. Schach ist seine Leidenschaft. Schön, dass er sie im Schachclub mit anderen teilen kann.
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